Marokko 2016

Festgefahren und ausgebuddelt

Am nächsten Morgen wachen wir an „unserer“ Schirmakazie auf (oder ist´s ´ne Tamariske??):

Der Blick in die Ferne hat sich völlig verändert: der Wind hat zugenommen und die Luft ist erfüllt mit feinstem Staub, so dass die Gegend wirkt, als wäre sie in Nebel gehüllt. Die Berge, hinter denen wir gestern Abend noch die Sonne haben untergehen sehen, sind nun in einem Dunst-Staubschleier verschwunden.

Eine merkwürdige Stimmung liegt über der Landschaft: der milchige Himmel sieht für unsere Augen nach kaltem Nieselwetter aus – nur die deutlich über 30 Grad Außentemperatur will nicht so recht dazu passen…

So folgen wir ohne die sonst sichtbaren Bergketten rechts und links von uns weiter unserem Weg nach Osten

 

Im Hintergrund fegt der Wind den Sand vom Dünenkamm

 

 

Wieder eine äußerst kunstvolle Wegmarkierung

 

Nur die Bäume und Berge, die in nicht allzuweiter Entfernung stehen, kann man noch erkennen. Alles weiter Entfernte verschwindet im Dunst – obwohl die Sonne Schatten unter den Bäumen wirft

Nach rund einstündiger Fahrt kommen wir an diese Weggabelung. Da der Verlauf der rechten Piste auf unserer Karte nicht klar zu erkennen ist, wissen wir nicht, wie weit nach Süden (und damit wieder an die algerische Grenze) uns diese bringen würde. Außerdem steht auf dem Schild ein Hinweis auf den Lac Iriki und das ist unsere Richtung! Also wählen wir die linke Strecke.  Mal sehen, wo es hingeht.

Links oder rechts??

„Lac Iriki“ kann man ja noch lesen und verstehen – aber „9 BSF“ und „PC2BSF“ ?? Sieht nach mitlitärischen Abkürzungen aus…

Die Fahrt führt uns eine gute Stunde entlang teils fast vegetationsloser Flächen, dann wieder ist der sandige Boden durchsetzt mit Gras und niedrigen Sträuchern. Glücklicherweise sehen wir die für die Ralley Paris-Dakar aufgeschobenen Sandhügel und wissen, dass wir hier grob in der richtigen Richtung unterwegs sind.

 

Nicht alle Bäume überstehen die Trockenzeit

 

Ziemlich einsam, vegetationslos und flach. Trotzdem spannend!

Der Laq Iriki ist ein riesiger flacher See zwischen Foum Zguid und M´hamid mit einer Länge von bis zu 50 Kilometern. In den Trockenzeiten trocknet der See regelmäßig aus. Bevor man weiter im Norden Marokkos (bei Ouarzazate) ein Staudamm gebaut hat, wurde die flache Ebene nach den Winter-Regenfällen immer wieder überspült und damit zu einem flachen See und Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten.
In den letzten Jahren hat es hier wohl aber nur noch sehr selten Wasser gegeben und so fahren wir durch eine staubtrockene, sandige Landschaft.

Nach einiger Zeit erreichen wir eine Stelle, in der es über der Erde sehr tiefsandig wird und sich einige Sandverwehungen angesammelt haben. Tiefer unter dem Sand muß es offensichtlich jedoch feucht genug sein, um Gräser und sogar Bäume wachsen zu lassen.

 

 

Der Sand wird hier immer feiner und richtig tief, so dass wir uns immer wieder durch schwergängige Passagen wühlen. Normalerweise sollte man hier schon Luft aus den Reifen lassen, um besser durch den Sand zu kommen aber wie das so ist: Luft ´raus, später wieder ´rein – och nöö. Das geht ja auch so. Sind ja nicht allzu lange Tiefsandpassagen. Also verzichten wir erst einmal auf´s Luftablassen. Bis zu dieser sehr sandigen, eigentlich nicht besonders steilen, kurzen Steigung:

Wieder mal nix zu sehen von der Steigung, oder??

Bei dem Versuch, diese „Minidüne“ zu erklimmen, wird der Sternwanderer plötzlich wie durch eine Mega-Parkkralle an Ort und Stelle festgenagelt! Ein kurzes, unangenehmes Geräusch sagt uns: das war´s erst mal. Der tiefe Sand hat sich für unsere Faulheit gerächt. Also alles aussteigen zum Buddeln…

Bewegt sich keinen Millimeter mehr weiter vorwärts.
Weitere Versuche würden nur nach unten führen und
die Räder bis zum Aufliegen auf der Achse eingraben.

 

Erste Maßnahme: erst mal schauen, wie es so aussieht.

 

Danach: Sandbleche und Bergeausrüstung auspacken und dann geht das fröhliche Graben los.
Natürlich nicht ohne unsere supertollen Feuerwehr- Hebekissen: ist schon um einiges einfacher, wenn man das Fahrzeug hochheben kann!!

Alles halb so wild – damit muss man wohl rechnen, wenn man sich im Wüstensand ´rumtreibt. Außerdem ist das Sandbuddeln sicher viel angenehmer, als 13 Tonnen z.B. irgendwo aus kaltem, nassem Schlamm ausgraben zu müssen. Das einzig etwas nervige ist allerdings der kräftige Wind, der einem – sobald man sich in Bodennähe begibt oder sich gar unter das Fahrzeug wagt – die Augen mit Sand ausspült. (Arme Lotta – bei ihrer Augenhöhe muss sie das hier ständig aushalten!)

So! Luft aus den Reifen lassen (ja,ja, jetzt doch schon), die Sandbleche noch ein wenig nachrichten und dann: GAS!!! Und? Sieht doch ganz easy aus, wie er da so durch den Sand abzieht!?

 

Die „Baustelle“ muss noch eingesammelt werden. Jetzt merkt man die Wüstenhitze doch ein wenig…

 

Sieht ziemlich platt aus – glücklicherweise nur unten😉
ist von 7 auf  4,5 bar abgelassen, da geht also noch mehr!

Am nicht weit entfernten Nomadenbrunnen ist der Sand etwas weniger tief und wir können unbesorgt erst einmal anhalten.

Lotta inspiziert die weitere Strecke: aber auch die nächsten mehreren hundert Meter siehen – soweit wir das von hier erkennen können – sehr tiefsandig aus

Nach Beratung mit Ralph und Birgit, die vorsichtshalber etwas zurück geblieben sind und auf unkritischem Terrain stehen, stellen wir fest, dass wir alle bei den Temperaturen nicht unbedingt noch einmal buddeln wollen und drehen beim Brunnen lieber um.

Eine Nomadin hat uns zugeschaut.
Da sie kein Französisch spricht, und auch offensichtlich wirklich nur schauen will, winken wir ihr zum Abschied freundlich zu

Wir begeben uns mit schlappen Reifen zu Ralph und Birgit und gönnen den Reifen erst einmal wieder etwas Luft – die Strecke vorher war ja nicht besonders sandig.

Während wir auf den richtigen Luftdruck warten, trinken wir im Schatten der Autos erst einmal ein Tässchen Tee —- äh Kaffee natürlich

Also umdrehen und die Stunde Fahrt über die Ebene des Sees zurück bis zu der Weggabelung an der wir vor ein paar Stunden mal links gefahren sind. Wir versuchen es jetzt mal mit der anderen Piste und lassen den Steppenwolf vorweg fahren. Der fährt sich ja nicht immer fest.

 

 

 

Wenigstens hat es die Sonne in der Zwischenzeit geschafft, den Dunst zu vertreiben und der Wind hat ein klein wenig nachgelassen, so dass man jetzt die Berge wieder sehen kann. Und auch der Himmel hat sein Blau wiederbekommen.

 

 

Kurze Querverbindung zu der anderen Piste und dann der Nase nach!

 

Wir weichen irgendwann von der eigentlichen Piste ein wenig mehr nach Norden ab, um einen vielleicht nicht ganz so sandigen Weg zu finden. Die Berge im Norden markieren also unser grobes Ziel und wir fahren irgendwie von einer sichtbaren Fahrspur zur nächsten, die Sonne im Rücken, um witer nach Nord- Osten zu kommen

 

Einzelne Sandhaufen werden von Ralph geschickt umfahren, so fahren wir eine Zeit lang einen Zickzack- Kurs, aber immer noch besser als im zunehmenden Abendlicht erneut buddeln zu müssen. Wir folgen im gehörigen Abstand.

 

 

Die Schattentäler der Sanddünen werden schon von der Abendsonne deutlich beleuchtet

 

 

 

Die Sandanhäufungen verlieren sich langsam, es wird wieder gleichmäßig weichsandig, aber nur 10-20 cm tief, darunter ist fester Boden, so daß wir gut voran kommen.

 

Kommen jetzt den Bergen im Norden schon recht nahe und wollen mal schauen, ob in dem einzigen kleinen Ort auf unserer 250-Kilometer-Wütsten-Strecke ein Stellplatz oder wenigstens ein Brot für uns zu finden ist.

Die Schatten werden länger, höchste Zeit ein Nachtlager zu finden.

 

In der Ferne sehen wir schon „Zaouia S Abd En nebi“ ein Dorf  in der laut es „maps.me“ sogar einen Campingplatz geben wird.

 

Hier beginnen langsam schon die grünen Felder des Ortes

Ok – nachdem das Schild fertig war hat man die Arbeiten
zunächst erst einmal unterbrochen um zu erforschen, wie
groß der zu erwartende Ansturm der Reisenden seien wird.

 

Und DAS ist das, was vom Campingplatz noch übrig ist…

Das Dorf besteht aus exakt diesen hier sichtbaren Häusern und KEINEM Brotverkäufer…

Im Dorf angekommen finden wir tatsächlich noch einen Hirten der uns zwei Fladenbrote verkauft und der sichtlich erfreut über die unerwartete Einnahme ist. Leider verstehen die ortsansässigen Kinder den Handel als Aufruf an sie, sich zum Betteln aufzumachen. Wir verschwinden rasch und suchen ausserhalb der Sichtweite des Dorfes einen von der Straße abgelegenen Schlafplatz.

Hier finden wir einen ruhigen und schönen Platz zwischen ein paar Bäumen. In der Nacht sehen wir in der Ferne noch ein paar Taschenlampen durch die Dunkelheit irren, aber niemand kommt an unserem Lagerplatz vorbei. Wir schlafen gut und ruhig unter dem Sternenzelt.

Die Nacht bricht jetzt schnell herein und wir freuen uns auf Morgen und das Dünenmeer Erg Chegaga.
* * *
FORTSETZUNG FOLGT

 

0 Comments

  1. Hallo, schon wieder zu spaet hier, aber ich wollte gerade nochmal zu dieser Episode etwas schreiben.
    Bin froh dass Ihr gut weitergekommen seit und dass Eure Ausruestung und Proviant gut fuer diese Weite Leere ausreichen.!
    Per Google Karte sehe ich viele Strassen und Wege sowie erstaunlich viele Ortschaften – vom Satelliten alles recht ueberschaubar, aber doch verwirrend viele Strecken durch die doch so grosse einsame Gegend.
    Weiterhin, have a safe journey! Tina

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